Seit heute Morgen um 10 ist mein Körper im Ausnahmezustand. Je länger es dauert, das Ausweichen, das Entweichen meines Körpers und allem, was mir jetzt guttäte, umso mehr entgleite ich mir. Warmes Wasser auf meinem Körper, ein offenes Fenster und der sich mit Pommes vermischende Geruch von Regen verhelfen mir zu Klarheit. Nicht, als wäre auch nur eine Sache gerade in meinem Kopf. Nichts geradlinig, nichts strukturiert. Seit heute Morgen um 10 hat das Innen-gefangen-Sein kriechend begonnen. Der Himmel zieht zu und ich denke an die Gewitter, die ich unterwegs erlebt habe. Denke an den 13. Juni des letzten Jahres. An den Sommer aus dem Jahr davor. Daran, dass die große grüne Wiese am Oberwaldhaus, ein Zuhause aus Grün und mehr Bunt als Menschen, seitdem jegliches Zuhausige für mich verloren hat.
Meine Hände zittern, die Nägel rot und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich sprechen soll, ohne zu zittern. Vielleicht ist das nicht notwendig, vielleicht ist das nicht Ziel des Ganzen: zitterfrei zu sprechen. Eigentlich wäre ich der Konfrontation doch längst wieder gewachsen, denke ich so oft. Und dann: dann kommen Momente wie diese und eine um eine Ecke verschränkte Kontaktaufnahme versetzt mich zurück in Bodenlosigkeit. Ich weiß gar nicht, wohin. Nichts hiervon ist dafür gemacht, Licht zu sehen. Aber sind wir, wenn schon nicht zum Sprechen, zum Schreiben gemacht?
Wann auch immer ein Schub kommt wie dieser, denke ich so sehr, ich neige zu Übertreibungen. Es war doch nicht so ernst. Wie kann ein Ereignis solch eine Macht auf einen ausüben, wenn man erst Wochen, Monate später feststellt, dass etwas falsch war?
Ich habe zu viel Kaffee getrunken am Morgen, denke ich, aber ich weiß, daran wird es nicht liegen. Ein einzelner Kaffee am Morgen ist nicht die Ursache solchen Zitterns. Ich trinke jeden Morgen Kaffee, und zittere nur selten.
Nein, am Kaffee wird es nicht liegen.
Es ist das wieder Zurückgewinnen der eigenen Geschichte, das Wiederaufnehmen der Feder, die Umgestaltung des Alltags, wenn man so will. Schon wieder dieses generische Mann; und wie mein Gesagtes mir direkt im Kopf in der Stimme Marc Uwe Klings nachhallt, kann ich unschwer erkennen, dass das Känguru wieder Einzug genommen hat, mich den Abend über begleitet hat. Jetzt aber zurück in meine eigene Erzählstimme: was ist denn hier zu erzählen?
Vor dem Hintergrund meiner farblich schwer kategorierbaren Gardinen steht jetzt eine Babybananenpflanze. Ihre Schwester steht vielleicht gerade auf Deinem Nachttisch oder dem Küchentisch deiner Eltern. Ich hoffe sehr, sie schafft die Umgewöhnung, dass sie den Blick aus dem neuen, so anderen Fenster mag. Den Blick, der direkter nach draußen ist. Zuvor hat sie geradeaus, hoch hinaus in den Himmel geblickt. Wenn ich nachsehen kam, war er zumeist hellblau und das steht dem Grün ihrer Blätter so unglaublich gut. Ähnlich und doch so anders wie jetzt hier, bei mir, vor dem bordot-roten Vorhang. Ich habe ein neues Zuhause jetzt - mein Schildkrötenpanzer steht im Flur neben meiner gerade offenen Zimmertür, zurückgekommen von der letzten Reise; wartet auf die nächste.
Ich trau mich immer mehr und die Wahrheit purzelt aus mir heraus - ich trau mich wieder, Angst zu haben. Ich mach das, was Kholoud Charaf gesagt hat: ich deute ihr an, Platz zu nehmen; mir gegenüber. Ich mache Tee und schenke ihn ihr ein und hör ihr dabei zu. Kholouds Worte für das Begegnen der Angst sind so viel schöner als die meinen, und ich liebe sehr, dass ich mir immer mehr Raum dafür schaffe, sie wahr werden zu lassen. Manchmal kommt es noch; das Zittern. Das war vor der Reise schon da, manchmal zwischendurch. In der Gewitternacht zum Beispiel ganz besonders. Ich glaube, bis dahin hatte ich noch nie real gefühlte Angst, zu sterben. Ich meine, sonst manifestiert sie sich ja in Abstraktem, diese vielleicht größte aller Ängste des Menschen. In schnellem Pläne schmieden, in plötzlichem Alles über den Haufen werfen - gar nichts Schlechtes über letzteres zu sagen, sehr mutig, finde ich - in vorzeitigem Trauern über das Ende, auch wenns noch lange nicht vorbei ist. In Ausdrücken von "Das mach' ich, wenn ich in Rente bin" zu "Einen Nutzen muss es ja haben für Euch, dass wir noch sind". Aber diese eine Nacht im Juni, da gab es einen langgezogenen Moment, in dem ich einmal die konzentrierte, unverfremdete Wucht dieser Angst ganzkörperlich spürte. Da habe ich sicherlich auch gezittert. Ganz klar erinnere ich mich nicht mehr, die Ereignisse fließen verregnet vor meiner Erinnerungswand. Ich meine aber, diese eine konkret konzentrierte Angst ist in diesem einen langen Moment höchstens gewachsen aus einem einzigen 'was wäre wenn' - wenn überhaupt. Vielleicht lässt sich sagen, wer zittert, lebt. Oder mit Thees Uhlmann: "Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt".
Gleich nach dem Abebben des ersten und einzigen so großen Zittern dieser Nacht, kommt der Gedanke, "was wäre, wenn ich Dich nochmal wiedersehe" und der fühlte sich in etwa an wie dieses Lied von Thees.
16. April 2026 & 27. April 2026
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